Privilegiert

13.05.2019

Mit Tränen aufgewacht. Mit zufriedener Traurigkeit und feuchte Augen den Tag starten…. Heute Morgen ist der Abschied, das Ende dieser besonderen Zeit hier besonders deutlich spürbar. Traurigkeit und Zufriedenheit. Ein Wiederspruch und doch fühlt es sich so an. Es ist der letzte Tag. Morgen fliege ich.

Der gestrige Tag war noch mal voll und intensiv. Ich habe Rashmi in Baghdapur getroffen, in den Familienhaus. Sie wohnt zusammen mit ihrer Familie. In der Stadt des Yogurts. Rashmi will in Deutschland ihren Master machen. Sie hat sich u.a. in Frankfurt beworben. Ich musste lachen als sie das erzählt. Frankfurt meine Geburtstadt. Meine Kindheit. Meine Studiumzeit. Ich erzähle etwas von Frankfurt und so kommen wir auch auf meine Familie. Sie hatte mir ihre Familie schon vorgstellt. Jetzt war ich dran. Es gibt kein Foto wo wir gemeinsam alle drauf sind (hier hat das fast jede Familie in der Wohnung hängen). Bei mit zu viel patchwork. Zu viele Elternteile. Zu komplex und verwirrend die Halbgeschwister und dazu die beiden anderen. Die Verwirrung ist gross. Und so male ich es auf. Das aller erste mal auf diese Art und Weise…. so klar für mich. Die Zeichnung hilft aber für Nepali Verhältnisse ist es einfach schwer zu fassen… Kinder ohne Ehe, One-Night Stand Ergebnis, mehrere Väter und Mütter, alle 5 Kinder nur Halbgeschwister bzw nicht mal das. Es ist wirklich eine Herausforderung das hier zu erklären…. ach in Deutschland auch. Aber hier… was sind die 68iger, was was Hausbesetzer …. der Begriff der hier am meisten dafür hilft ist Hippies. Aber Hippies sind die alle irgendwie nicht wirklich gewesen. Egal. Immer wenn ich danach gefragt hier wurde…. Beziehung … Familie… dann ist es für viele Nepali schwer vorstellbar. Ich denke einige haben es so halb verstanden. Rashmi will die Zeichnung behalten und lernen.Ihre Familiensituation mit ihrem eigenen Willen besonders in Bezug ihrer Partnerschaft ist auch nicht einfach. Hier in Nepal gewinnt für mich der Begriff emanzipierte Gesellschaft noch mal eine andere Bedeutung. Ich wurde hier immer akzeptiert und respektiert. Als weibliche Ausländerin aber gerade viele Frauen haben mir erklärt, dass es manchmal noch sehr sehr schwer ist also Frau als gleichwertig behandelt zu werden. Weniger vom Partner als von der Gesellschaft. Und viele Frauen sind auch einfach noch sehr schüchtern und haben noch wenige Selbstbewusstsein. Rashmi mit ihren 24 Jahren sucht ihren Weg. Auch zum Teil gegen die Einstellung und Erwartung ihrer Familie. Sie ist wie viele Nepali ein Familienmensch und es ist zum Teil sehr hard für sie. Sie geht aber ihren Weg. Wow. Bewundernswert. Lerne noch eine Freundin von ihr kennen.

Ich lasse alles im Taxi sacken. Ich hatte es viel einfacher. Bei all dem Familienchaos wurde ich immer unterstützt. Nicht immer Diskussionsfrei aber im Grunde immer mit viel Unterstützung und Vertrauen in mich, gefördert. Wie gegensätzlich.

Von Bhagdapur geht es zurück nach Kathmandu. Ich treffe Archana noch mal. Die Ärztin, die ich im Krankenhaus zufällig kennen gelernt habe. Sie macht gerade den Facharzt für Chirurgie. Wir reden erst über das Health Camp. Sie und ihr Mann engagieren sich sehr ehrenamtlich in den Bergdörfern. Ihr Mann ist wohl sehr bekannt hier und zum Teil auch im Westen. Er hat eine Gesetzesvorlage für die medizinische Versorgung in den dörflichen Gesundheitsstationen geschrieben. Wird gerdase vom Parlamet diskutiert. Wir sind uns schnell einig, wie wir das mit dem Health Camp zusammen machen wollen. Es nimmt schon jetzt Formen an. Ich spüre wie sich Energie in mit dafür sammelt. Wenn ich einmal etwas unbedingt umseten will, dann gibt es für mich kaum halten. Könnte sofort anfangen… aber Vernunft siegt. Sacken lassen. Kräfte tanken. Sortieren. Die Basis ist gelegt. Muss nicht alles sofort geplant und begonnen werden. Erst mal los lassen. Alles zu seiner Zeit. Bis nächstes Jahr im September ist ja noch Zeit.

Wir wecheln ins private. Ich erfahre, das Archana aus einer armen Familie kommt. Ihre Mutter sie und die Geschwister alleine gross gezogen hat. Sie ein hier staatliches Stipendium für das Medizinstudium bekommen hat. ihr Schwester für Medizin in Deutschland. Beide mussten sich oft durch schwere Zeiten durchkämpfen und hatten einige absolute Tiefpunkte. Auch jetzt ist manchmal noch sehr schwer. Da sie ein staatliches Stipendium hat, bekommt sie noch kein Gehalt. Es ist wohl eher so etwas wie BAföG und sie muss jetzt zurück zahlen. Ihr Mann arbeitet in einem Krankenhaus, das ca. 5 Stunden von Kathmandu liegt. Sie sehen sich in mal pro Monat. Manchmal auch nur alle zwei Monate.

Auch hier wieder. Wie privilegiert ich leben und studieren konnte. Diese Geschichten bewegen mich. Diese Frauen, die viel härter für ihren Traumjob kämpfen und arbeiten mussten. Ich habe Medizin studieren dürfen … arbeitete im Krankenhaus…. und mache jetzt was ganz anderes. Hier undenkbar. Es ist ein sehr offenes persönliches Gespräch. Mich freut es sehr, wieviel Vertrauen mir entgegen gebracht wird. Vielen ich erfahren und über Nepal und deren Gesellschaft erfahren darf.

Als ich später im Hotelbett gestern lag, konnte ich wieder lange nicht einschlafen. Es arbeitet alles in mir. so viele Eindrücke, Menschen und Erlebnisse. Ich bin so müde und kann nicht einschlafen und wache immer um 6 Uhr auf. Ich hoffe auf Sansibar komme ich etwas innerlich zu Ruhe und kann verarbeiten. Und Schlaf nachholen.

Namaste

Mascha